Das Angebot zum Focusing-Schnupperseminar kam von Inge Pinzker, einer Absolventin unseres Instituts, die nach ihrem Studium in Traiskirchen gearbeitet und  u.a. bei psychotherapeutischen Behandlungen gedolmetscht hat. Inzwischen hat sie selbst eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert und übt den Beruf der Psychotherapeutin aus. Mit Inge als Seminarleiterin freuten wir uns auf einen Workshop auf fundierter, reflektierter Grundlage.

Zusammen mit sechs weiteren Teilnehmerinnen, darunter Studierende, Absolventinnen und Lehrende, fanden wir uns an einem Samstag im Jänner im nüchternen Simultanübungsraum des ITAT ein.

Nach einer kurzen theoretischen Einführung ging’s sofort mit praktischen Übungen los. Das Ziel: unser Gedankenkarussell einzubremsen und Fokussieren aufs Ich/auf sich. Während es für einige von uns ein erstmaliges In-Berührung-Kommen mit dem war, was man heutzutage auch als Achtsamkeitstechnik versteht, waren andere mit diesen Methoden schon vertrauter – und auch bestens gerüstet, sprich mit warmen Socken ausgestattet ;-).

Die Methode des Focusing wurde von Eugene T. Gendlin erarbeitet. Geboren 1926 in Wien, verließ er Österreich mit seiner Familie 1938 Richtung USA, studierte Philosophie und arbeitete daran, philosophische Konzepte in die Lebenspraxis zu übersetzen. Das brachte ihn in Kontakt mit Carl Rogers, Begründer der personen- und klientenzentrierten Psychotherapie. Gendlin übernahm 1957 die Funktion des Research Director in einem von Rogers geleiteten großen Forschungsprojekt mit schizophrenen PatientInnen.

Bei seiner Arbeit mit den KlientInnen fiel ihm auf, dass Personen mit einem erfolgreichen Therapieverlauf „anders“ über ihre Probleme sprachen. Sie bezogen sich dabei immer auch darauf, „wie sie ihr Problem körperlich erlebten“. Gendlin konnte diese Einbeziehung des gegenwärtigen körperlichen Erlebens als zentralen Faktor einer wirksamen Problemlösung identifizieren. Er wollte diese Fähigkeit auch seinen weniger erfolgreichen KlientInnen ermöglichen, also dieses Konzentrieren der Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen. Zu diesem Zweck entwickelte Gendlin spezielle Anleitungen, die Focusing-Schritte und kam dabei zu dem Ergebnis, dass mit Hilfe dieser Schritte „so gut wie alle Menschen“ Focusing lernen können.

Und genau diese Anwendbarkeit des Focusing-Prozesses in ganz alltäglichen Situationen als Problemlösungs- und Stressbewältigungsstrategie war es, die uns angesprochen hat.

Bei dem als Focusing bezeichneten Prozess handelt es sich – allgemeiner formuliert – um den Prozess kreativen Denkens und Handelns. Dieser zeichnet sich aus durch ein Hin- und Hergehen zwischen dem gegenwärtigen Erleben einer konkreten Situation und dessen Versprachlichung oder Symbolisierung durch Handlungen, Gesten, Bilder etc. Gendlin gibt hierfür das Beispiel einer Dichterin, die nach Worten sucht, um ihr Gedicht fortzusetzen: zunächst weiß sie noch nicht, welche Worte wirklich passen, sie hält inne und verwirft alle unpassenden Formulierungen so lange, bis sie auf einmal ein Aha-Erlebnis hat und merkt: „jetzt habe ich die stimmigen Worte gefunden“. Entsprechend ist es eine zentrale Aufgabe jedes Menschen, in seinem Leben die jeweils für eine Situation passenden Worte, Gesten und Handlungen zu finden. (Quelle: Wikipedia)

Gerade uns als DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen erschließt sich Gendlins Prozessphilosophie sehr rasch, da es dabei um den inneren Prozess geht, der abläuft, wenn wir etwas sprachlich zum Ausdruck bringen (vgl. Experiencing and the Creation of Meaning, 1962; Ein Prozess-Modell, 2015). Wir kennen sie nur zu gut, die Situation, wenn uns ein Wort auf der Zunge liegt (körperlich gespürt wird), aber noch nicht ausdrückbar ist. Dieses körperliche Erleben bewusst wahrzunehmen und gezielt zu nutzen war Inhalt des Seminars.

Mit ihrer ruhigen und zentrierten Art ließ uns Inge sofort die Techniklastigkeit des Seminarraums vergessen. Mit unterschiedlichen Übungen, allein und zu zweit, machte sie uns mit der Focusing-Methode vertraut. Zum Beispiel nahmen wir eine unangenehm erinnerte Dolmetschsituation als Ausgangspunkt, um das Ent-Identifizieren zu üben, sprich aus dem Problem herauszutreten und sich ihm gegenüber zu stellen, nach dem Motto „Hier bin ich, und dort ist das Problem“. Damit wird eine neue Versprachlichung, neue Sicht bzw. kreative Beschreibung möglich.

Was nehmen wir aus dieser Einführung mit? Das Wissen, dass es sich lohnt, bei Schwierigkeiten, Konflikten und Problemen – und zwar nicht nur in Dolmetschsituationen – das diffuse, körperliche Erleben, das mit ihnen einhergeht, zu beachten, ernst zu nehmen und mit ihm zu verweilen. Die Erfahrung, dass es durchaus hilfreich sein kann, sich auf die scheinbar unklaren Empfindungen einzulassen und das Wagnis einzugehen, aus der Kopflastigkeit auszusteigen. Eine Technik zur Wiederholung dieser Erfahrung im Alltag und – nicht zu vergessen – eine gehörige Portion Entspannung!

 

von Florika Griessner und Silvia Glatzhofer, ITAT Graz

Beitragsbild: (c) Lesly Juarez, Unsplash

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