Es gilt, dann auf Kundenakquise zu gehen, wenn die Auftragslage gut ist, um für schlechtere Zeiten vorzusorgen. Dementsprechend beschloss ich, bei guter Auslastung nach einem Auftragstief im Jänner, meinen Kundenstock auszubauen.  Dennoch wollte eine Ausgabe von über EUR 400 für eine knapp zweitägige Konferenz, die, anders als etwa UNIVERSITAS-Fortbildungen, für mich inhaltlich als Translatorin wenig relevant ist (als Konsumentin aber durchaus), gut überlegt sein. Den Ausschlag gab dann ein 20%-Rabatt durch die Wirtschaftskammer – und ich war dabei bei den „Mobile Marketing Innovation Days“. Hinter dem Schlagwort „mobile marketing“ verbergen sich schlicht Tools und Strategien, mit denen überwiegend Produkte (seltener: Dienstleistungen) online und via App an Frau und Mann gebracht werden. Heutzutage geschieht das, wie ich erfuhr, überwiegend über das Handy. Die Vortragenden kamen von so zentralen Unternehmen wie unter anderem Google, Facebook und Co. Die Vortragenden von Google kamen besonders professionell und sympathisch rüber und betonten, dass Privatsphäre ein Heiligtum für sie sei. Was ich angesichts der vielen Daten, die ich freiwillig bei Google abliefere, besonders gerne glauben möchte.

Die Keynote-Vortragende Patricia Bergler von Facebook in Aktion

Tapfer sah ich über sprachliche Patzer der Konferenz hinweg, etwa die im Programm als „wardrobe“ übersetzte „Garderobe“, und stürzte mich im Studio 44, einer Veranstaltungs-Location der Österreichischen Lotterien, ins Geschehen und staunte schon mal nicht schlecht über den „denglischen“ Marketingsprech: targeten, enablen, adressieren (sic!), gratification, insights, pricing, customer journey, conversion rate etc.

Mit einer Größe von knapp 400 TeilnehmerInnen – die meisten davon deutlich jünger als ich – war die Konferenz gut gewählt, da überschaubar und nicht zu überwältigend. Ein Plus war, dass aufgrund der Branche und des Altersschnitts alle per Du waren, was den Einstieg ins Gespräch erleichterte. Wie erwartet, waren die Inhalte der Vorträge für mich beruflich wenig ausschlaggebend, aber als Userin ganz spannend – etwa erfuhr ich von einer neuen App namens Jodel und von „Own Austria“, eine Investment-App für einen österreichischen Fonds (praktisch, falls nach der erfolgreichen Kundenakquise Geld zum Investieren übrig ist). Äußerst aufschlussreich waren die Ausführungen eines Vertreters von Europol über Online-Kriminalität.

Hot Dogs zur Stärkung beim Netzwerken

Wenig überraschend war das Entscheidende das Netzwerken während der Pausen und vor bzw. nach den Vorträgen. Ich war weit und breit die einzige Translatorin, abgesehen von einer ausgebildeten Übersetzerin, die nun im Online-Marketing tätig ist. Diese Tatsache verschaffte mir entsprechende Aufmerksamkeit und ich präsentierte mich bald augenzwinkernd als „Exotin“. Mit der „Preisfrage“, ob das Gegenüber den Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen kenne, war ich stets recht schnell im Gespräch und etliche GesprächspartnerInnen signalisierten Interesse an meinen Leistungen – Marketingagenturen, eine Pharmafirma, eine Behörde, eine universitäre Einrichtung etc. Dabei war ich durchaus immer bei den goldrichtigen Personen, nämlich Menschen im Bereich Marketing und Kommunikation. Bewährt hat es sich auch, nach Vorträgen und Pausen den Sitzplatz zu wechseln und mit den jeweiligen SitznachbarInnen zu plaudern.
Mitzubringen wäre auf jeden Fall die Bereitschaft, aktiv auf Menschen zuzugehen und das Gespräch zu suchen – bitte nicht darauf setzen, von anderen angesprochen zu werden. Wer am Tag X nicht in der passenden Stimmung ist (auch das soll vorkommen), wird auf Selbstmotivations-Techniken zurückgreifen müssen oder auf konkrete Zielsetzung, z. B. eine gewisse Anzahl von Gesprächen zu führen. Empfehlenswert ist es auch, ein paar gute translatorische Anekdoten, etwa über spannende Projekte oder KundInnen, im Gepäck zu haben. Was sich immer bewährt: dem Gegenüber Fragen zu stellen. Die meisten reden schließlich gerne über sich und ihre Aufgaben – das kann auch abseits von potenziellen Aufträgen informativ und aufschlussreich sein.

Trotz entspannter Atmosphäre ist netzwerken auf Dauer erwartungsgemäß anstrengend. Wer wollte, konnte sich ab Vormittag (!) dank eines Sponsors Wodka-Cocktails zu Gemüte führen, um sich von den Strapazen zu erholen. Mit Cocktails in der Hand wurden dann auch fleißig „altmodische“ Visitenkarten ausgetauscht, wobei es natürlich wichtig ist, die Kontakte relativ rasch danach auf Xing und/oder LinkedIn anzuschreiben. Was ich dann auch eifrig jeweils nach den beiden Konferenztagen tat.

Abschließend die große Frage: Hat diese Maßnahme etwas gebracht? Der Erfolg ist, wie bei anderen Marketingaktivitäten auch, nicht unmittelbar messbar und wenn überhaupt, dann erst nach einem gewissen zeitlichen Abstand. Vielleicht ergeben sich durch meine Präsenz bei der Konferenz in Zukunft Aufträge, vielleicht werden meine Kontaktdaten weitergegeben – wer weiß. Eines ist sicher: Neue Menschen kennen zu lernen ist immer ein Vorteil, beruflich wie menschlich. Und die Wahrscheinlichkeit, neue Aufträge zu bekommen, steigt naturgemäß mit der eigenen Sichtbarkeit, online wie offline. Mein Fazit: Es hat Spaß gemacht, ich habe gute Einblicke in eine für mich kaum bekannte Welt bekommen, es war zum Teil auch anstrengend (das darf Arbeit durchaus sein) – und ich fasse bereits weitere kleinere (Online-Marketing-)Konferenzen in Wien ins Auge. Vielleicht hat ja jemand Lust, die translatorische Delegation mit mir zu verstärken? Die nächste Gelegenheit ist etwa am Mittwoch, 10. April bei der „Game Changers“-Konferenz, bei vergleichbar günstigem Tagestickets um EUR 50, siehe 4gamechangers.io.

 

von Dagmar Jenner

Bilder (c) Dagmar Jenner

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