Die in Sarajevo geborene und nach einem Studium der Translationswissenschaft als literarische Übersetzerin, Asyl- und Konferenzdolmetscherin arbeitende sowie an den Universitäten Innsbruck und Wien lehrende Mascha Dabić hat soeben ihren Debütroman mit dem programmatischen Titel Reibungsverluste vorgelegt. Darin begleitet sie die Protagonistin Norotschka (Nora) Kant vom mühsamen Aufstehen am Morgen über den Weg zum Arbeitsplatz und die dortige Dolmetsch- und Übersetzungstätigkeit bis zur Rückfahrt mit Hindernissen und dem Tagesausklang in der winzigen Single-Wohnung.

Wir dürfen somit hautnah am Alltag und den zuweilen mit literarischen Zitaten unterlegten Gedanken dieser belesenen jungen Frau teilhaben, die es nach dem Studium in Wien sowie einer Beschäftigung am Goethe-Institut in Sankt Petersburg und einem dort zurückgelassenen Vladimir auf der Suche nach einem Job in die Welt der AsylwerberInnen verschlagen hat, genauer gesagt, in ein neutral als „Zentrum“ bezeichnetes Gebäude der Flüchtlingsunterbringung und -betreuung. Die Menschen, denen Norotschka im Wohnbereich dieses Zentrums begegnet, wirken, „als sei ihnen das Warten auf den Asylbescheid in jede Faser des Körpers eingeschrieben, als habe ihre gesamte Existenz den Aggregatzustand des Wartens angenommen“. Selbst die Kinder scheinen sich unter dem Einfluss der Angst und „Unsicherheit der Erwachsenen“ bloß „aus reinem Pflichtgefühl“ kindlich zu verhalten.

Als Absolventin der Politikwissenschaft ist Norotschka keine ausgebildete Translatorin, sondern eine fremdsprachenversierte Laiin, die aber mit der nun gestellten Aufgabe intelligent und reflektierend umgeht. Wenn sie bei Therapiesitzungen dolmetscht, konzentriert sie sich „auf diesen alchemischen Prozess“, der das Gesagte über „den Gehörgang in ihren Kopf“ eindringen lässt und „in einer anderen Form, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund wieder“ verlässt. Doch ganz ohne die schon im Romantitel angesprochenen Reibungsverluste geht es nicht. Da sind zum einen Begriffe, die sich nicht oder nur schwer von einer Sprache in die andere übertragen lassen, zum anderen Ausdrücke, für die Norotschka keine Entsprechungen im Russischen oder Deutschen einfallen und bei denen sie sich mit Umschreibungen behelfen muss. So manches andere geht ebenfalls verloren, weil KlientInnen nicht von dem erzählen, was ihnen tatsächlich widerfahren ist, sondern sich lieber in Begebenheiten „flüchten“, die vom Eigentlichen ablenken, wie wir in abrupten Perspektivwechseln hin zu den Asylsuchenden erfahren.

Auch Norotschkas Spontanentscheidungen im Therapie-Setting werden thematisiert. So scheint ihr das russische Kak waschi dela für die Begrüßungsworte der Therapeutin „in diesem Kontext zu salopp, zu wenig verbindlich“. Diese „winzigen Umdeutungen und Anpassungen“ macht Norotschka bereits automatisch, kleinere Kompetenzüberschreitungen inbegriffen. Als zum Beispiel die Therapeutin bei einer Entspannungsübung sagt „Und jetzt versuchen Sie, sich einen schönen Ort vorzustellen, einen See oder einen Wald …“ erinnert sich Norotschka, dass für die Klientin der Wald angstbesetzt und „alles andere als ein Ort der Erholung“ ist, dolmetscht deshalb das Wort „Wald“ nicht und macht so einen aus der Gewohnheit der Entspannungsphrasen entstandenen Fehler der Therapeutin ungeschehen. Ansonsten muss sich Norotschka bei diesen Übungen disziplinieren, denn eigentlich findet sie „die Situation befremdlich […], peinlich für alle Beteiligten, eine einzige Orgie des Fremdschämens“. Aufkommende Lachkrämpfe sind gelegentlich nur schwer zu unterdrücken. Und dass sie, wie ihr in einem Nachgespräch von der Therapeutin gesagt wird, dabei ihre Stimme modulieren und sozusagen „mitschwingen“ soll, ist nicht unbedingt nach Norotschkas Geschmack, aber sie versucht trotzdem, ihrer Aufgabe als Dolmetscherin gerecht zu werden.

Zwischen den Therapiesitzungen übersetzt sie auch noch „schnell ein paar Fallberichte ins Englische“. Es sind „haarsträubende Folterberichte, die der Verein jedes Jahr in einer bestimmten Anzahl an die UNO“ zu schicken hat, „um weiterhin Subventionen zu erhalten“. So müssen die Gepeinigten und ihr Leid, „kompakt auf maximal drei formatierte A4-Seiten zusammengefasst“ auch noch für die Geldbeschaffung des Zentrums herhalten.

Die Arbeit, die Gespräche mit der Sekretärin Erika und der Therapeutin Roswitha werden mit Norotschkas Erinnerungen an die Zeit in Sankt Petersburg verknüpft, wo ihr eine Mitbewohnerin, Olga, so einiges an russischer Lebensweise und -weisheit beibringt inklusive Tipps zur richtigen Handpflege, die neben gekonnter Maniküre auch das Peeling mit Kaffeesatz umfassen und Norotschka zu „raffinierten russischen Damennägeln“ verhelfen. Damit zieht sie auch die Aufmerksamkeit eines gewissen Vladimir auf sich, doch bleibt diese Liebesbeziehung trotz des an ihrem Beginn stehenden knallroten Nagellacks, „bezeichnenderweise ein Essie mit dem Namen Russian Roulette“, seltsam blass und als solche wenig überzeugend.

Die Stärke von Mascha Dabić liegt eindeutig im Schildern der aus den Therapiesitzungen hervorgehenden Flüchtlingsschicksale und der Problematik des Dolmetschens, gespickt mit so manchen amüsanten sprachlichen Einsprengseln, etwa dem deutsch-russischen Asyl-Slang der tschetschenischen Flüchtlinge (Schefinja – Heimleiterin, Positiwschitza bzw. Positiwschik – anerkannter weiblicher bzw. männlicher Flüchtling) oder den von Erika als Käs-Staddis bezeichneten Case Studies für die UNO.

Mit seiner Aufeinanderfolge von erzählenden Passagen, privaten wie beruflichen Gesprächen im Tagesverlauf, fiktionalisierten Therapiesitzungen und den daraus resultierenden Gedankengängen aller daran Beteiligten sowie der Niederschrift einer Fallstudie wird der Anspruch, ein Roman zu sein, von diesem Text zwar nur bedingt erfüllt, aber eine interessante Reportage einer Dolmetscherin übers Asyl-Dolmetschen ist er allemal, der gerade translatorisch Tätigen als Lektüre empfohlen werden kann.

 


Buchcover "Reibungsverluste"Details zum rezensierten Werk:

  • Titel: Reibungsverluste (Roman)
  • Autorin: Mascha Dabić
  • Verlag: Edition Atelier
  • Seitenanzahl: 152 Seiten
  • Preis: EUR 18
  • ISBN 978-3-903005-26-6

 

 

von Eva Holzmair
Autorin, Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin

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