Im Jänner flatterte mir – wie vermutlich auch einigen anderen leicht betagten, aber noch aktiven KollegInnen – eine Einladung der SVA folgenden (kurz gefassten) Inhalts ins Haus:

„Sie haben sich entschlossen, neben Ihrer Pension noch etwas dazuzuverdienen und müssen die vollen Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Es sind genau Fälle wie Ihrer, warum wir uns seit Jahren sehr stark für die Abschaffung der Pensionsbeiträge für aktive Pensionisten einsetzen. Leider hat der Gesetzgeber unseren Vorschlag nicht aufgegriffen …. Daher haben wir eine spezielle SVA-Gesundheitswoche inkl. Auffrischungskurs für unsere erwerbstätigen Pensionisten – wie Sie – entwickelt. Wir wollen Ihnen damit kostenlos viele gesunde Lebensjahre ermöglichen und unterstützen Sie, lange aktiv zu bleiben …“. Nähere Infos gab es in einem Folder, gesunde Grüße von Dr. Christoph Leitl.

Die Aufenthaltskosten, hieß es, würden zum Großteil von der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft übernommen werden. Die zu leistende Zuzahlung belief sich für mich schlussendlich (einkommensabhängig) auf EUR 18,90 pro Aufenthaltstag. Der Ort des Geschehens war das Hotel Kneippkurhaus der Marienschwestern in Aspach, Oberösterreich (geografisch bedingt eigentlich erst meine 4. Wahl, aber ich hatte einfach nicht flott genug auf das verlockende Angebot reagiert).

Der endgültigen Terminzusage war eine Liste diverser Ausrüstungsgegenstände beigelegt, die ich – als in Kur- und Wellnessdingen eher unerfahrene Teilnehmerin – mit großer Gewissenhaftigkeit abarbeitete (Schulskikursfeeling!! Erinnerte mich stark an die damals vorgeschriebenen Skistockspitzenschoner).

Mein üppiges Gepäck beinhaltete daher neben meinen „normalen“ Sachen nicht nur Bademantel und Badetuch (völlig unnötig, hätte mir das Kurhaus ohnehin zur Verfügung gestellt), sondern auch ein Riesensortiment an Schuhwerk: Straßenschuhe, Hausschuhe, Laufschuhe, Wanderschuhe, Turnschuhe. Dazu noch Badesachen, Turnoutfits, Wanderzubehör, Utensilien zur Kleiderpflege, Saunautensilien. Außerdem einen neuen Trainingsanzug mit dazu passenden Shirts („Funktionsshirts“!!, dazu Stirnband, Handschuhe, Sportkappe). Beim Einkauf der vielen schönen neuen Dinge war in mir ganz leise der Verdacht aufgestiegen, es ginge bei der ganzen Aktion vielleicht gar nicht so sehr um die Förderung meiner Gesundheit, sondern um jene des Sportartikelhandels. Auf die Anschaffung eigener Nordic-Walking-Stöcke verzichtete ich. Die konnte man in Aspach ausborgen.

Das Kneippkurhaus, idyllisch in einem Park gelegen, hat sich der sogenannten Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) verschrieben, d. h. Wassergüsse, Kräutertees, Kräuterwickel, Wassertreten, „Wyda“ genanntes keltisches Yoga, spirituelle Angebote etc. Unterbringung und Verköstigung verdienten definitiv vier Sterne, keine Spur von übertriebener klösterlicher Bescheidenheit.

Beim ersten Mittagessen lernte ich die anderen SVA-TeilnehmerInnen kennen, die an zwei Tischen beisammen saßen und einen spannenden Querschnitt durch die österreichische Gewerbeszene boten: Da saß die Psycho- neben der Physiotherapeutin, daneben der Betreiber eines Bierpubs, dann die Inhaberin eines Modegeschäfts, eine Nagelstudiobesitzerin, ein Herr, der uns wiederholt mitteilte, er nenne nicht nur eine Firma, sondern auch noch siebzehn Tochterunternehmen sein Eigen, ein Steinmetz, ein Maler und Anstreicher, …. Ich war die einzige Vertreterin unserer Zunft.

Am Nachmittag folgte ein kleiner Fitnesstest. Eine von zwei Kübeln markierte Strecke musste so oft wie möglich abgegangen werden, dann sollte man so lang wie möglich auf einem Bein stehen, die Arme hinauf und hinunter bewegen, von einem Hocker aufstehen und sich wieder niedersetzen. Also nichts wirklich Gefährliches. Nach einer kurzen kurärztlichen Untersuchung, Abwaage inklusive, wurde das Kneipp-geprägte Therapieprogramm festgelegt.

Die Morgengymnastik fand pünktlich um 7:00 Uhr, praktisch im Morgengrauen statt. Nach radikaler Umstellung meines Tagesrhythmus gelang es mir, keine einzige Session zu versäumen. Nach der Gymnastik ein paar Runden durch das taunasse Gras und dann Frühstück – sehr gut, sehr reichlich, sehr gesund.

Um das muntere Kurtreiben auch theoretisch zu unterfüttern, gab es einen Vortrag über das Kneippen von der Kurärztin, einen Vortrag über Pfarrer Sebastian Kneipp von Schwester Emmanuela und einen Film über Pfarrer Kneipp mit Paul Hörbiger aus dem Jahr 1958 (als abendliches Freizeitprogramm!!). Einschlägige Bücher konnte man aus der hauseigenen Kurbibliothek entlehnen. Bei freiem Eintritt wurde zu Messe und Rosenkranzbeten geladen. Darauf verzichtete ich unter Hinweis auf mein protestantisches Ketzerleben.

Vor der Morgengymnastik hätte ich zwischen 04:30 und 05:30 Uhr Kneippsche Morgenwaschungen im Zimmer in Anspruch nehmen können. Darauf verzichtete ich mit der Begründung, wenn ich über etwas klagen könnte, dann über Erschöpfung, und da wäre gesunder Schlaf ohne Unterbrechungen ja doch die beste Medizin, nicht wahr? Meine Nachtruhe blieb ungestört.

Die am Vormittag angebotenen Kräuterwickel konnte ich unter Hinweis auf meine Gräserallergie zum Glück abwenden, nicht umschiffen ließen sich jedoch die klassischen Kneippgüsse. Da mir nichts Bestimmtes fehlte, bekam ich einfach von jeder Sorte (Wechsel-Knieguss, Wechsel-Arm-Nackenguss, Schenkelguss, absteigender Lumbalguss etc.) einen verschrieben. War ich mit allen durch, ging es wieder von vorne los. „Wechsel“ stand für warme und kalte Güsse, wobei kalt 18°C bedeutete, was auszuhalten war.

An weiterem gesundheitsförderlichem Kurzweil wurden Entspannungsübungen (auf Plastikschlangen im warmen Pool schwebend), Meditationen (eine „Körperreise“ – bloß nicht einschlafen dabei), keltisches Yoga, ein Kräuterworkshop (Fazit: außer Wolfsmilchgewächsen sind fast alle einheimischen Wildkräuter essbar, doch hüte man sich vor dem Blauen Eisenhut!), ein Workshop zur Ernährung (Zucker ist ganz böse!!). eine Nordic-Walking-Wanderung (hab ich die Stöcke halt zum Wandern mitgenommen), noch mehr Gymnastik, auch rhythmische Wassergymnastik angeboten.

Gut gemeint, aber für die SVA-PensionistInnen-Runde nicht ganz passend war der Vortrag einer Logotherapeutin und Orientierungsberaterin, die uns auf den Pensionsschock vorbereiten wollte. Frage: „Was tut man, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich zu arbeiten aufhört?“ – leichte Verwunderung unter den aktiven PensionistInnen. Das Missverständnis war rasch aufgeklärt, die Vortragende wohl falsch gebrieft worden. So sprach man eben über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des „Zurückschaltens“ oder gar der Übergabe des Betriebs an mögliche NachfolgerInnen. Hier waren wieder Einblicke in andere Berufswelten zu gewinnen. So würde etwa der Maler und Anstreicher seinen Betrieb ja gerne dem Sohn übergeben, da bis dato aber noch keine Schwiegertochter für die Büroarbeit gefunden werden konnte, sei dies noch nicht möglich. – Der Vorschlag der Runde: Einstellung einer Teilzeitkraft?

Andere Branchen, andere Probleme. Das war auf jeden Fall auch Teil des Charmes meines Aufenthalts: Mit den Freuden und Sorgen anderer Branchen konfrontiert zu werden. Der Bierpub-Betreiber, der täglich zwölf Stunden auf den Beinen ist, konnte sich keinen Vortrag anhören, da er gar nicht so lang still sitzen kann! Der Steinmetz kritisierte, dass so viel über Bildschirmarbeit gesprochen wurde (Subtext: Diese Büroleute haben ja keine Ahnung von echter Arbeit!). Die Damen aus der Modebranche konnten wiederum bestätigen, dass die Qualität der Textilien schon seit einiger Zeit immer schlechter wird.

Noch ein paar Worte zum Kurhotel: nette Zimmer, sehr gute, leichte Küche mit Wahlmöglichkeit zwischen zwei Menüs oder Buffet, sehr schöner Park mit Caféterrasse, auf der sich am Abend noch nett plaudern ließ, Möglichkeit zum Planschen im Pool, zum Wassertreten (streng nach Vorschrift im Storchenschritt), Sonnenliegen, in der Umgebung (leicht hügelig) Möglichkeit zum Wandern. Ein bisschen muss man sich an den Geist des Hauses (Marienschwestern!) schon anpassen, lässt man sich darauf ein, kann man sich aber auch beim abendlichen Chorsingen prächtig unterhalten (nochmal Skikursfeeling!).

Mein Rat: Wer eine solche Einladung bekommt, sollte sie nach Möglichkeit annehmen. Kein doppelter Boden, keine Werbeattacken! Ordentliche Erholung garantiert. Gekostet hat mich der einwöchige Aufenthalt ganze EUR 120,- (plus Fahrt).

Mit der Anmeldung zu einer solchen Gesundheitswoche geht man übrigens auch die Verpflichtung ein, ein paar Monate später einen dreitägigen Refresher-Kurs (wieder kostenlos) zu absolvieren. Das werde ich im Dezember machen. Ich freue mich schon darauf!

von Karin Tippelt
Kassierin von UNIVERSITAS Austria

 

Foto von Michael Fertigunsplash.com

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