Masterstudium Translation – Quo vadis? Über das neue Mastercurriculum am Zentrum für Translationswissenschaft Wien

„Diese Lehrveranstaltung ist eine jammerfreie Zone.“

„Machen wir das Beste daraus.“

„Wir können an den Rahmenbedingungen nun mal nichts ändern.“

(Zitate aus diversen Lehrveranstaltungen des neuen MA-Curriculums)

 

Meinen Semesterstart habe ich mir wohl ein bisschen anders vorgestellt. Voller Vorfreude auf die Änderungen im Mastercurriculum, die den Studierenden als das Nonplusultra im Fachbereich verkauft wurden, musste ich meine hochgesteckten Erwartungen nun einen Monat nach Beginn des Wintersemesters stark relativieren. Denn Vieles, das wir uns vom neuen Curriculum erhofft hatten, blieb bei der Umsetzung auf der Strecke.

September 2015. Die Studierenden der alten MA-Curricula Dolmetschen und Übersetzen warten mit Spannung auf die Anmeldephase für das neue Semester. Was jedoch fehlt, ist eine Äquivalenztabelle, die den Studierenden die Wahl gleichwertiger Lehrveranstaltungen aus dem neuen Curriculum ermöglicht. Ein defekter Link auf der Website des Zentrums lässt die Studierenden ganze zwei Wochen bis knapp vor dem Ende der ersten Anmeldephase zittern und bangen, ehe die erlösende Nachricht über die Aktualisierung des Links im Posteingang erscheint.

Doch auch mit der lang ersehnten Tabelle in der Hand herrscht nun große Verwirrung unter den Studierenden. Lehrveranstaltungen, die im neuen Curriculum vorgesehen sind, tauchen im elektronischen Anmeldesystem nicht auf. Hinzu kommt, dass viele wahllos durch das System von Lehrveranstaltungen, die sie noch benötigen, abgemeldet werden. Die Antwort der ZTW-Leitung erfolgt prompt, dass die Studierenden etwaige Voraussetzungen nicht erfüllen oder ein Besuchen der jeweiligen Lehrveranstaltung, wenn diese bereits einmal erfolgreich abgeschlossen wurde, im neuen Studienplan nicht vorgesehen sei. Die Wogen in den Facebook-Foren gehen hoch. Studierende und vor allem jene, die kurz vor der Modulprüfung stehen, fühlen sich ihrer Übungsmöglichkeiten beraubt.

Oktober 2015. Die ersten Lehrveranstaltungen beginnen. Allgemeine Aufregung herrscht vor allem im Hinblick auf die Übungen „Konferenzdolmetschen“ und „Dialogdolmetschen“ mit vier Sprachen gleichzeitig (z. B. Russisch / Spanisch / Französisch / Polnisch). Schon die erste Einheit verkommt in den meisten dieser Übungen zur unfreiwilligen Kabaretteinlage. Die vier anwesenden Lehrenden (= ein/e Lehrende/r pro Sprache) fallen sich gegenseitig ins Wort, diskutieren vor den Studierenden den eigentlich Ablauf und die wenigen weiteren Termine der Lehrveranstaltung und geben uns sichtlich zu verstehen, dass sie sich im Vorfeld nur sehr begrenzt abgesprochen haben bzw. dem Konzept mehr als skeptisch gegenüberstehen. Als sich herausstellt, dass die vier Lehrenden abwechselnd bzw. geteilt die Lehrveranstaltungen halten werden und die jeweilige Lehrperson sich naturgemäß vor allem ihren Studierenden widmen wird, macht sich nach Hinweis auf die hundertprozentige Anwesenheitspflicht für Studierende ein weiteres Mal großes Unverständnis breit.

Mit den Sprachkombinationen der Studierenden tauchen weitere unerwartete Probleme auf. Manche Sprachen der Lehrveranstaltung sind nur durch eine/einen Studierende/n vertreten.  Viele Aufgaben wie die Erstellung von Glossaren sind jedoch als Teamarbeit ausgelegt.  Meine anfängliche Begeisterung schlägt nun endgültig in Enttäuschung um.

November 2015. Einen Monat später ist diese Enttäuschung der anfänglichen Begeisterung nicht mehr gewichen. Ich sitze aufgrund der Anwesenheitspflicht weiterhin in „Konferenzdolmetschen“ und „Dialogdolmetschen“ und höre mir anstatt meine Sprachkombination zu üben, Dolmetschungen ins Französische, Ungarische, Polnische und dergleichen an, bei denen ich nichts verstehe. Feedback soll ich dennoch geben.

Pro Woche erstelle ich 3-4 Glossare für die jeweiligen Vorträge. Bei Vorträgen in Sprachen, die ich nicht verstehe, sind stets die jeweiligen Sprachgruppen verpflichtet, eine deutsche Wortliste für mich bereitzustellen. Zum Dolmetschen komme ich meistens nicht, da je nach Lehrperson Studierende mit gewissen Sprachen Vorrang bei der Besetzung der Kabinen haben. Sollte ich dennoch auch bei anderen Lehrpersonen dolmetschen, so erhalte ich aufgrund der Abwesenheit der für mich zuständigen Lehrkraft nur ein sehr spärliches Feedback.

Würden die Glossare zumindest von meiner Lehrperson kritisch begutachtet bzw. gemeinsam mit mir besprochen werden, könnte man dem Ganzen noch irgendeinen Sinn abgewinnen. Doch die von uns erstellten Glossare werden nicht einmal auf deren schlichte Existenz überprüft. So ist es wenig verwunderlich, dass das Wort „Glossar“ bereits zum Hasswort unter den Studierenden mutiert ist.

Ein weiterer Punkt, der den Studierenden übel aufstößt, ist der Umstand, dass nunmehr von Seiten der Lehrenden auch eine Dolmetschung in die C-Sprache erwartet wird, wenn der Ausgangstext Deutsch ist. Sonst säße man ja untätig herum. Da sich viele der Studierenden – m. E. zu Recht – weigern, in die C-Sprache zu dolmetschen, wird nun vermehrt über ein Doppelrelais (z. B. Deutsch (AT) – Französisch – Deutsch) gearbeitet. Inwiefern dies als sinnvoll erachtet werden kann, möchte ich in den Raum stellen.

In den Übungen zum „Dialogdolmetschen“ gestalten nun Studierende die Einheiten, indem sie Konzerntreffen nachstellen, Gerichtsverhandlungen simulieren oder Arztdialoge vorspielen, die dann gedolmetscht werden. Diese Vorgangsweise wird von den Studierenden durchaus begrüßt. Dennoch ist die Rollenverteilung oft sehr ungerecht, da der Arbeitsaufwand unter den Studierenden, die nicht nur dolmetschen, sondern auch eine Rolle spielen, sehr unterschiedlich ist. Zudem ist zu beachten, dass diese Übungen letzten Endes auf die Modulprüfung vorbereiten sollten, das Konzept der Prüfung sich jedoch gänzlich von dem der Übung „Dialogdolmetschen“ unterscheidet.

Bei all der Kritik und Schwarzmalerei sollte jedoch nicht darauf vergessen werden, dass sich meine Erfahrungen mit dem neuen Studienplan hier auf die im Curriculum am Ende vorgesehenen Lehrveranstaltungen beziehen. So ist es ohne Weiteres möglich, dass StudienanfängerInnen gerne im neuen Plan studieren. Ich freue mich daher auf sämtliche Kommentare von Studierenden im ersten Semester. Zusätzlich möchte ich betonen, dass es sehr viele Lehrende gibt, die alles versuchen, um die neuen Rahmenbedingungen so gut wie möglich für alle Studierenden zu gestalten. Dennoch braucht das neue Curriculum m. E. noch Zeit, um zu reifen. Die kritische Perspektive, die ich hier vertrete, könnte demnach nur die Sicht der Dinge eines „alten Hasen“ im 4. Semester darstellen, der kein „Versuchskaninchen“ für neue Experimente mehr sein möchte.

 

von Bernhard Hauer
Vorstandsmitglied und Jungmitgliedervertreter von UNIVERSITAS Austria

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Ein Gedanke zu “Masterstudium Translation – Quo vadis? Über das neue Mastercurriculum am Zentrum für Translationswissenschaft Wien

  1. Danke für diesen Beitrag! Ich empfinde das ebenso (stehe auch schon kurz vor dem Abschluss). Ich möchte auch betonen, dass viele Lehrende wirklich versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Leider ändert das nichts an der Tatsache, dass durch die zwei- und viersprachigen Übungen immer weniger Zeit mit den Lehrenden der eigenen Sprache bleibt und das Feedback durch die Lehrenden (die dadurch auch den Lernfortschritt oder individuelle Schwierigkeiten weniger mitbekommen) immer spärlicher wird. Das ist schade, da man sich in Studierenden-Lerngruppen nur bis zu einem gewissen Grad gegenseitig Verbesserungsvorschläge geben kann, und meist nur auf der sprachlichen/inhaltlichen Ebene. Im Hinblick auf Dolmetschstrategien allerdings ist der Rat erfahrender DolmetscherInnen unendlich wertvoll – aber bei drei bis maximal sechs Einheiten im Semester fast unmöglich.

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