„Happy Hieronymustag?“ ODER „Was haben moderne TranslatorInnen mit einem verschrobenen spätantiken Kirchengelehrten am Hut?“

Sophronius Eusebius Hieronymus ist der Schutzpatron der ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen (und im Übrigen auch der LehrerInnen, TheologInnen und Gelehrten). Am 30. September feiern wir alljährlich an seinem Todestag unseren Berufsstand.

Wie kommt’s und wer ist dieser Hieronymus eigentlich?

Im Netz finden sich hehre Huldigungen, neutrale Informationen, aber auch kritische Standpunkte.

Unser bevorstehender diesjähriger Feiertag ist Anlass genug, diese strittige Figur etwas näher zu betrachten – und beste Gelegenheit, den UNIVERSITAS-Blog hier zu eröffnen.

Fakten

Geboren wurde Hieronymus im Jahr 347 in der römischen Provinz Dalmatia (heutiges Kroatien, Bosnien, Herzegowina, Serbien, Montenegro, Albanien), gestorben ist er am 30. September 420 in Bethlehem. Dazwischen lag einiges an Wirken und Schaffen:

Als Sohn wohlhabender christlicher Eltern studierte er zunächst in Rom, verbrachte danach Zeit in Trier und Aquileja und lebte in seinen späten Mittzwanzigern in Syrien als Eremit. Er wurde im Alter von 32 Jahren zum Priester geweiht, studierte danach in Konstantinopel und war mehrere Jahre lang Sekretär des Papstes Damasus. Nach dem Tod von Papst Damasus zog Hieronymus – damals 37-jährig – nach Bethlehem und gründete dort vier Klöster: drei für geweihte Jungfrauen und eines für Mönche, wobei er in letzterem die weiteren 36 Jahre seines Lebens verbrachte und wirkte.

Hieronymus beherrschte der Überlieferung nach sieben Sprachen – darunter Latein, Griechisch und Hebräisch – was ihn befähigte, unter anderem die Bibel in das zu seiner Zeit gesprochene Latein zu übersetzen: Es entstand die Vulgata, die bis heute maßgebliche lateinische Bibelübersetzung.

Und hier schließt sich der Kreis: Seit Gründung der FIT, der internationalen Dachvereinigung von Übersetzerverbänden, wird in translatorischen Kreisen am 30. September zu Ehren dieses großen Bibelübersetzers gefeiert, seit 1991 veranstalten die Mitgliedsverbände rund um diesen „International Translation Day“ Events und Kampagnen zur Bewusstseinsbildung und Bewerbung des Berufsstands.

So weit, so gut.
Aber Sprachgenie und begnadeter Übersetzer?

Ja, zweifelsfrei – ein wichtiger früher Vertreter unseres Berufs, dessen translatorisches Schaffen die Welt nachhaltig beeinflusst hat.

Dennoch finden sich viele kritische Anmerkungen zur sprachlichen Kompetenz des Übersetzers Hieronymus. In Frage gestellt wird, wie weit er das Hebräische auch wirklich beherrschte, ob seine Bibelübersetzung tatsächlich „nach dem Hebräischen“ – wie er selbst behauptete – verfasst wurde, oder doch eher – wie neuere Forschungen annehmen – auf Basis der altgriechischen Version erfolgte. Definitiv nachgesagt wird ihm (und dafür werden auch Belegstellen genannt), dass er immer wieder seine eigenen Werthaltungen in die Übersetzung mit einbrachte.

Gehörnter Moses

Ein veritabler Übersetzungsfehler in der Vulgata ist jedenfalls bekannt und manifestiert sich sogar in einer gehörnten Moses-Statue von Michelangelo: Michelangelo dürfte sich bei der Gestaltung der Statue auf die Hieronymus-Übersetzung der Bibel bezogen haben, wo Moses als „cornuta“ (gehörnt) statt „coronata“ (strahlend) beschrieben wird.

Naja, Fehler passieren uns allen.
Und wie sieht’s mit dem grundlegenden Weltbild des Hieronymus aus?

Seiner Zeit entsprechend. – Oder nein, das trifft’s nicht ganz.

Hieronymus prägte seine Zeit – als ernstzunehmender und ernstgenommener Gelehrter, produktiver Autor und Kirchenvater beeinflusste er durch seine Werke die vorherrschenden Werthaltungen. Hieronymus war ein Trendsetter im spätantiken Rom.

Und seine Werte und Einstellungen sind heute in vielerlei Hinsicht hinterfragenswert.

Misogynist?

In vielen Kommentaren wird Hieronymus als anti-sexuell, anti-feministisch und Frauenhasser beschrieben. Mit relativer Sicherheit lässt sich aus diversen Quellen schließen, dass er jedenfalls die Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit für die einzig reine Tugend hielt. Er geringschätzte Frauen wegen ihrer Eitelkeit und verachtete die Ehe. Er war der Überzeugung, dass eine Frau ihrem Mann nur ebenbürtig sein konnte, wenn die Bindung rein platonisch war.

Trotz seiner eindeutig negativen Haltung gegenüber Frauen scharte Hieronymus eine Reihe von reichen Römerinnen um sich, die sich jedoch „in seinem Sinne“ entwickelten und zwei seiner engsten Anhängerinnen (Paula und deren Tochter Eustochium) begleiteten ihn in der zweiten Lebenshälfte sogar nach Bethlehem und bauten mit ihm Klöster auf.

(Wer sich mit der ambivalenten Figur unseres Schutzpatrons näher auseinandersetzen möchte, dem sei ein Artikel im Spiegel aus dem Jahr 2014 ans Herz bzw. ins Netz gelegt: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-130507269.html)

Viele Quellen beschreiben Hieronymus darüber hinaus als cholerisch, eigenbrötlerisch und arrogant.

So what?

Wie gehen wir nun um mit dieser umstrittenen Figur des Hieronymus? Wollen wir weiterhin „seinen“ Tag zu unserem Feiertag machen?

Aber ja, warum nicht. Bewusst sollte man sich der Ambivalenz halt sein. Aber Feste soll man feiern, wie sie fallen und der Herbst ist jedenfalls eine gut geeignete Jahreszeit, um unseren Berufsstand zu bejubeln und mediale Aufmerksamkeit für die Translation auf uns zu ziehen. Wir müssen ja nicht den Heiligen Hieronymus feiern, sondern können zeitgemäß säkularisiert und voll globish den

International Translation Day

begehen.

Der Österreichische Gerichtsdolmetscherverband (ÖVGD) richtet heuer das alljährliche Fest der österreichischen Verbände im Translationsbereich aus – und ganz im Sinne eines weltoffenen Zugangs darf am 25. September 2015 beim „Internationalen Tag der Übersetzerinnen und Übersetzer“ im Bundesministerium für Justiz gefeiert, getrunken und getanzt werden: zu den beschwingten Klängen der „Wiener Tschuschenkapelle“  – eine lebhafte Formation, der ein Verbandsmitglied angehört und deren ethnische Wurzeln vielleicht sogar teils im Gebiet der Geburtsstadt des Hieronymus liegen.

Und wir bei der UNIVERSITAS Austria nehmen den Festtag heuer wieder zum Anlass, unseren Mitgliedern ein inhaltlich breit gefächertes Weiterbildungsangebot zu machen: Am Samstag, 26. September 2015, findet am Zentrum für Translationswissenschaft (ZTW) in Wien der

Fortbildungstag („Tag der Translation“)

statt. Programm unter http://www.universitas.org/nc/de/service/termine/kalender/veranstaltungsdetails/?tx_seminars_pi1%5BshowUid%5D=291 – Restplätze für Kurzentschlossene vorhanden.

Am 15. Oktober 2015 wird dann übrigens am ZTW in Wien gefeiert. Termin vormerken, Programm wird erst veröffentlicht!

Ich hoffe, wir sehen uns bei den diversen Feierlichkeiten und Events!

 

Mit den allerbesten translatorischen Festtagsgrüßen

Heide Maria Scheidl
Vorstandsmitglied UNIVERSITAS Austria

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5 Gedanken zu “„Happy Hieronymustag?“ ODER „Was haben moderne TranslatorInnen mit einem verschrobenen spätantiken Kirchengelehrten am Hut?“

  1. Liebe Kollegin, es soll wohl heißen „cornutus“ und „coronatus“ (anstatt der weiblichen Formen „cornuta“ und „coronata“ …
    Danke jedenfalls für den höchst informativen Beitrag!
    LG Susanne Lenhart

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  2. Die heurige Hieronymus-Feier war sehr amüsant dank musikalischer und kabarettistischer Darbietungen. Vielen Dank an die Veranstalter für den schönen Abend im herrlichen Palais Trautson.

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